Sie waren die Ersten!

Ein Segelboot – unser LIDO

lido1961

Von Horst Theer Leipzig, aus Meine Erinnerungen

Nach dem Einzug in die neue Wohnung war es höchste Zeit mich operieren zu lassen. Ich hatte mich wohl zu sehr angestrengt und musste eine Varikozele beheben lassen. Eine Woche Krankenhausaufenthalt in Dösen und 8 Tage Schonung zu Hause waren fur mich Erholung.
Danach setzten wir uns zusammen, Hans Pelz, Hubert Schätzler, Achim Bergner und ich. Wir hatten schon lange von einem Segelboot geschwärmt, jetzt bot sich die Gelegenheit durch einen neuen Werkstoff, GFP.
Glasfasermatten und Gewebebahnen aus Glasfäden werden in einer Form mehrschichtig mit Polyesterharz getränkt und härten zu einem festen Verbund aus. Hans fertigte in der Versuchswerkstatt im VEB Medizintechnik bereits Gehäuse für Grubenrettungsgeräte daraus, hatte also schon Erfahrung mit der Verarbeitung. In einschlägigen Fachzeitschriften beschrieben sie u.a. den Einsatz im Boot- und Yachtbau, in den USA, England und auch in Westeuropa. Zu dieser Zeit ging eine Versuchsanlage für Polyesterharz in Buna in Betrieb. Der Ausstoß, der kontinuierlich arbeitenden Anlage war für eine Serienproduktion zu wenig und für Versuche zu viel, so konnten wir preiswert Polyesterharz dort abholen. Glasmatten und Glasgewebe holten wir vom Glasseidenwerk in Oschatz, Härter in Eilenburg und Kobaldbeschleuniger in der Angerstraße. Farbpaste aus Nünchritz und Kieselgehl besorgte Hans.
In einer englischen Segelzeitschrift fanden wir ein Boot beschrieben, das unseren Vorstellungen entsprach. Danach konstruierten Hans und Achim das Boot und die Spantenrisse. Eine Segeljolle für 2 Mann, 4,40 m lang, 1, 7 m breit, 15/ 80 cm Tiefgang mit 10 qm Segel vom Pirat, etwa 160 kg schwer. Zu transportieren auf einem Bootsanhänger hinter einem Trabant. Ziel: Vier Boote bis Ende Juli!
Die Arbeiten wurden verteilt. Ich bekam die Aufgabe die 2 mittleren und die hintere Decksform anzufertigen und mich um einen Bootshänger zu kümmern. Ferner die Beschaffung von Glasmatte, Härter und Beschleuniger für zwei Boote. Es gab immer nur begrenzte Mengen, einige Erzeugnisse nur mit Hilfe einer Schachtel Pralinen.
Die drei Formen für das Bootsdeck konnte ich in unserer betrieblichen Tischlerei anfertigen, auch die Holzteile für meinen Ruderkasten, die Gabelpinne und die Ducht. Die Genehmigung dazu bekam ich von meinem Technischen Direktor, Hans-Dieter Werner, genannt der HDW. Er war auch Segler im Verein Polygraph, segelte am Stausee einen vereinseigenen Pirat, fand Interesse und unterstützte unser Vorhaben.
Problematischer war die Sache mit dem Bootshänger. So etwas gab es damals nicht. Irgendwer sagte zu mir: „Besorge dir doch einfach ein Tempo- Dreirad (500 ccm Kleinlieferwagen), 500 kg trägt das.“ Ich lachte und antwortete. „Das ist doch viel zu kurz.“ Aber den Gedanken verfolgte ich weiter. Nach Sand und Kies wurde früher in der Nähe größerer Baustellen gegraben, es ging um kurze Transportwege mit Pferdewagen und kleinen Lastwagen. Nach dem Ende des oder der Bauvorhaben wurde die Grube als Aschegrube freigegeben und so nach und nach zugeschüttet. Es gab damals wenig Müll, aber viel Asche und Sperrmüll, deshalb Aschegrube. Also fuhr ich zu den mir bekannten und in einer lag ein Dreirad-Lieferwagen. Nach der Inspektion hatte ich den Entschluss gefasst. Ich brauchte dazu einen kräftigen Helfer, ein langes Seil und Werkzeug. Mit einem Schlosser aus unserem Betrieb rückten wir an. Die Ladefläche abmontiert, das Zentralrohr gleich hinter dem Fahrerhaus abgesägt, die Bremsseile abgeschnitten und die komplette Hinterachse rausgeschleppt. Wie wir sie zu uns in die Versuchswerkstatt gebracht haben weiß ich nicht. Aber das war die Grundlage für den Umbau zu meinem Bootshänger. Die Zulassung bei der Polizei war kein Problem. Damit waren unsere Transporte während und nach der Bauphase gesichert. Alle Formen für das Boot waren im März fertig, das Material und die Ausrüstung vorhanden. Hubert’s Vater stellte uns im Kühlhaus in der Martinstraße eine nicht genutzte Etage für 3 Monate zur Verfügung.
Die Masten und Großbäume fertigte uns der Bootsbauer Noak, die Segel und Paddel bestellten wir im HO Sporthaus in der Ritterstraße und bei der nächsten Dienstreise nach Berlin kaufte ich dort Spannschlösser, Messingschrauben, Kauschen und Seile. Duralblech für Schwert und Ruderblatt war Zufall. Alle Beschläge vom Maststuhl bis zum Block, wurden von uns selbst aus Stahl angefertigt und dann verzinkt.
Zu Ostern 1961 stubbten wir die erste Rumpfschale und den ersten Satz Deckteile in die Formen. Nach vier Tagen des Aushärtens lösten wir sie aus den Formen, was nicht so einfach war, die Formen durften dabei nicht beschädigt werden. Wir hatten keinerlei Vorbilder und mussten unsere Erfahrungen selbst sammeln. Aber wir schafften es. Die selbst gemischte und eingefärbte Gehlcoatschicht war an zwei Stellen beim Stubben verschoben. Lehrgeld musste bezahlt und in diesem Fall ausgespachtelt werden. Zufrieden legten wir die Teile wieder in die Formen. Am nächsten Wochenende wurde das Boot aus Rumpfschale, Schwertkasten, Kielschweller, den vier Deckteilen, der vorderen und hinteren Abschottung zusammengeklebt. Ein schöner Anblick, der erste Bootskörper aus Glasfaser-Polyester in der DDR stand vor uns. Wir waren stolz. So fertigten wir nacheinander die vier Bootskörper. Hans, Achim, ich und Rolli Kehr als Vertretung vom Hubert, der in Berlin wohnte. Inge Pelz und meine Inge waren immer mit dabei. Sie waren die Laborantinnen, mischten das Harz nach vorgegebener Rezeptur und zur angegebenen Zeit,schnitten Klebestreifen, Bahnen und Zuschnitte aus Glasfasermatten, Glasseide und Roving. Wir Männer stubbten alle noch mit dem Faustpinsel, die Rolle hatten wir noch nicht entdeckt. Es stank und juckte abends zu Hause noch. Einmal mussten wir unterbrechen, eine Amoniakleitung im Kühlhaus war gebrochen, da stank es noch schlimmer und die Augen tränten, sodass wir nicht mehr sehen konnten.
Den Aus- und Fertigbau übernahm jeder selbst, nach seinen eigenen Vorstellungen. Im ehemaligen Bauernhof von Georgius hatte ich eine Garage für den Trabbi gemietet. Für einen kleinen Obulus konnte ich die halbe Scheunendurchfahrt für den Bootsbau nutzen, außerdem war noch Platz für einen großen Arbeitstisch und den Bootshänger. An vier Standorten wurden die vier Boote zwischen Mitte und Ende Juli fertig.

Im Seglerverein „Aufbau Süd-West Leipzig“ waren wir ab der Jahreshauptversammlung im Frühjahr 1961 Mitglied. Ende Juli fuhren wir mit unserem Trabbi, neuem Hänger und blauem Segelboot zum Stausee ins Vereinsgelände. Achim und Lia kamen kurz darauf mit ihrem Boot. Interessierende und kritische Blicke, aber herzliche Begrüßung uns Neuen.
Helfende Hände beim Umladen auf den Slipwagen und beim Aufriggen. Inge band einen Kranz um den Vorstag und ich sagte: „Ich taufe dich auf den Namen LIDO und wünsche dir allzeit gute Fahrt und immer eine handbreit Wasser unter dem Kiel“. Dann schoben Inge und ich das Boot ins Wasser, machten es fest, und ließen anschließend eine Flasche kreisen.

Unter fachmännischer Anleitung einiger Sportfreunde wurden die Segel angeschlagen, aufgezogen, und auf ging es zu unserer ersten Fahrt unter Segel. Meisterlich war das nicht, es galt noch viel zu üben, und 14 Tage waren es nur noch bis zum Urlaubsbeginn! Eine Wohnpersenning musste auch noch genäht werden. Den MAW-Außenbordmotor konnte ich in der folgenden Woche erst abholen und die Halterung war auch noch anzubauen. Sicher kamen noch einige Veränderungen hinzu, die sich beim Probesegeln herausstellten. Ja, der Tag hat eben nur 24 Stunden.

Erstes Wochenende im August 1961. Wir rollen auf der Autobahn und F 95 nach Fürstenberg. Achim und Lia mit ihrem Opel P4 (mit Propangas), Hänger und Boot, und wir mit unserem Gespann. Unser erster Urlaub mit den Segelbooten begann im Wassersporthafen in Fürstenberg / Havel. Trotz schönem Wetter waren wir vier da allein und brachten unsere Boote ohne fremde Hilfe zu Wasser. Die Autos und Hänger konnten wir in der Nähe unterstellen. Nach der ersten Nacht und dem Frühstück im Boot, es roch immer noch nach Harz, segelten wir auf dem Stolpsee. Wenden und am Wind segeln ging sehr gut, aber Halsen und vor dem Wind segeln war noch kritisch. Am zweiten Tag probierten wir unsere Motoren bei der Fahrt durch Kanäle und Schleusen bis zum Ziemsee und Ellebogensee. Das Leben auf dem Boot machte Spaß, das Handling und die Beherrschung unserer Boote wurde immer besser. Über den Pälitz-, Canow-, Labus-, und Zoozensee segelten wir bis Mirow. Hier gab es im Sportgeschäft einen AB-Motor Tümmler, Leinen, Rollen und Blöcke. Die große Mirowschleuse und den langen Kanal bis zur Kleinen Müritz kannten wir noch nicht, die anderen Seen aber schon vom Faltboot her. Ach übrigens, unsere zwei Faltboote Ilz und Alz habe ich an meinen Arbeitskollegen Claus Richter in dem Sommer verkauft. An der Insel in der Kleinen Müritz machten wir Mittagspause und segelten dann weiter. Als wir kurz vor der Jugendherberge Zilow den freien Blick über die Müritz hatten, schrie Inge plötzlich: „Das ist die Müritz, warum hast Du mir das nicht gesagt, da fahre ich nicht mit rüber!“ Ich steuerte zum linken Ufer, legte an und versuchte Inge zu beruhigen. Beim Anblick der großen Wasserfläche kam ihr die
Erinnerung wieder, als uns in den Faltbooten mitten auf der Müritz ein Gewitter überraschte und wir mit großer Kraftanstrengung, in hohen Wellen, das Ufer am Steinhorn erreichten. So ein Schock hält sich lange. Ich versprach ihr in Ufernähe nur bis zum Bolterkanal zu segeln. Dort erfuhren wir, von Berliner Seglern, das die Grenzen zur BRD und Westberlin ab heute geschlossen sind. (13.08.61) Wir segelten nach Ludorf, Röbel und in die Bucht am Steinhom, wo es uns gefiel. Dann war es Zeit zur Rückreise, aber hierher kommen wir wieder.
Unsere Boote hatten sich bewährt und wir waren begeistert. Wir waren die ersten die mit einem Bootshänger unabhängig mobil waren. Die Stauseesegler verluden ihre Holzboote in Transportgestelle und transportierten sie mit der Bahn nach Plau oder Schwerin und waren immer auf fremde Transportmittel angewiesen. Unsere Boote aus GfP wurden von vielen zuerst schief angesehen, Igelitkäne sagten einige und ein Boot muss aus Holz sein, es muss atmen. Wir bekamen keinen Liegeplatz am Steg, mussten uns am schrägen Betonufer einen Steg bauen. Die Rohrdalben wurden im Winter einschlagen. Aber im Frühjahr, als sie ihre Holzboote lange wässerten, segelten wir schon lange über den See.

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